Jazzmophil

Serge Donkersloot, Timothy Färber. Kuno Wagner, Matt Siegel

live:

29.07. Wetzlar, Stadtmarkt

04. 09. Kreml-Kulturhaus, Zollhaus

Ein Hauch von Brasilien

Jennifer Möbius, Gerd Hartmann und Kuno Wagner begeistern mit brasilianischen Klängen.

Foto A.Müller

Text: Petra Schramm

Es müssen noch Stühle zusätzlich, gestellt werden, damit alle im „Choro Café“ Platz finden, einige sicher ohne genau zu wissen, was sich hinter „Choro“ verbirgt. Es ist bereits das 85. Konzert in der Reihe „Kammerton“. Dr. Martin Krähe, der Leiter der KMS Oberlahn, weist mit berechtigtem Stolz auf die Liste der Konzerte, die auf den Stühlen des Saals im Komödenbau  bereit liegt. Kurz begrüßt er das Publikum, dann haben die drei Musiker das „Sagen“, natürlich in ihrer Sprache, der Musik.

Wie ein Gebirgsbach springen 16tel Kaskaden in atemberaubenden Tempo abwärts. Besser könnte man den Titel „Descendo a serra“ (Ich steige den Berg hinab) gar nicht umsetzen. Schon mit der ersten Melodie kann Jennifer Möbus ihre Virtuosität auf der Querflöte zeigen.

Rasante Tempi, Virtuosität aller Spieler, eine akzentuierte Rhythmik, gewollte Verzögerungen in der Basslinie, Synkopen, – das alles sind wesentliche Elemente des Choro, der sich in Brasilien schon Ende des 19. Jh. entwickelte. Musikgruppen, die Choro-Ensemble, gaben europäischen Standards wie  Walzer, Polka, Quadrille, Mazurka ihren eigenen brasilianischen Ausdruck.Im 20. Jh. fasste diese Musik auch in Europa Fuß. An der ursprünglichen Besetzung aus Soloinstrument (Flöte oder Klarinette) und mehreren Saiteninstrumenten (Ukulele Mandoline, Gitarre) plus Pandeiro ist das Trio Gerd Hartmann (Bass), Kuno Wagner (Gitarre) und Jennifer Möbus (Querflöte) recht nah dran. –

Kuno Wagner begrüßt die Zuhörer und nimmt sie gleich mit in die „Werkstatt“ zur Entstehung dieses Konzertabends. Ein halbes Jahr des Zusammenwachsens zu dieser Einheit, die lächelnd und lustvoll Präzision präsentiert. Zusammenspiel in Gleichberechtigung der Stimmen. Was für eine enorme Arbeit dahintersteckt, bis all diese vielen kleinen Notenköpfe so zusammenklingen, bis diese ganz spezielle südamerikanische Klangfarbe erklingt, kann man nur erahnen. – Kuno Wagner schaut prüfend in die Runde, in jedes Gesicht und stellt befriedigt fest: „Alles okay, ich kenne alle!“ Spätestens in diesem Augenblick sind alle im Saal zu einer Familie zusammengewachsen.

Schon stürzt sich das Trio in das nächste Abenteuer, das „Assanhado (wild) überschrieben ist, und genauso klingt es auch. Eine temperamentvolle Samba!

Elegisch breiten sich die ersten Takte von „Evoçacao de Jacobo (von Jakob gerufen) aus. Überraschend ist der Gegensatz zu den beiden vorangegangen Stücken. „Choro“  – eine Erklärung zur Herkunft dieses Wortes geht auf das portugiesische „weinen“  zurück. Dazu passt der melancholische Unterton, den dieser Titel mit vielen anderen teilt. Offene Akkorde lassen den Hörer fragend zurück. Der Gedanke liegt nahe, dass hier ein religiöses Thema umgesetzt wurde.

Jeder Titel hat seine eigene Färbung, die sich oft schon in der Bezeichnung ausdrückt. Nach dem pfiffigen kleinen „Brasilianer“ kommt das “Receite (Rezept) de Samba“ wie eine Anleitung daher. Gerd Hartmann meint: „Ist doch einfach SAM und BA“. So wird der Hörer auf die Fährte nach den beiden Zutaten für das Rezept gesetzt. „Cine Baronesa“ heißt der nächste Walzer. „Hat da eine Baronesse das Kino geliebt?“ Und augenzwinkernd mitfühlend kündigt Kuno Wagner auch Jennifer Möbus mit ihrem Klavier-Solo „Odeon“an: „Bläser können wegen der Luft nicht so lang durchhalten, hier also die Pause für unsere Flötistin“.  Und was für eine Pause. Auch auf diesem Instrument ist sie eine Zauberin, die Melodie und Gegenmelodie mit zwei Händen spielt, obwohl man vier zu hören glaubt!

„Tico-tico no fubá“ Wer kennt diesen Choro nicht? Die Morgenammer tiriliert und schwirrt hin und her, Jennifer Möbus spielt fast schneller als man hören kann! Und genauso hüpfen Kuno Wagners Finger über alle Saiten, und wer den Bass für ein behäbiges Instrument hält, der wird von Gerd Hartmann eines Besseren belehrt. Tico-tico – ein Garant für gute Laune. Wie die drei virtuos aufspielenden Musiker.

Indifference, komponiert als Musette von einem italienischen Bandolinspieler, der in Frankreich lebte, wie Kuno Wagner erklärt. Wie das folgende „Segura ele (mach ihn sicher) kommen fast gesangliche Elemente dazu, wobei Gitarre und Bass für den „Kick“ sorgen.

Nur noch zwei Titel, dann hat das Publikum einen ganzen Strauss voller unterschiedlicher Choros an diesem abwechslungsreichen Abend geschenkt bekommen. Aber es will sich nicht zufrieden geben und fordert durch nicht nachlassendes Klatschen Zugaben, die auch gewährt werden.